Ärger für Jeff Bezos? Amazon nimmt tiefrote Zahlen hin

Ärger für Jeff Bezos: Amazon rutscht tief in die roten Zahlen

Amazon-Chef Bezos scheinen die Verluste bis jetzt nicht zu bekümmern…

Amazon-Chef Jeff Bezos gilt bei Geschäftspartnern, Wettbewerbern und den Mitarbeitern des weltweit größten Online-Händlers fast schon als Maniac. Zwar hat er sich bei der Namensfindung für das ursprüngliche Start-up am Ende gegen „Relentless“ („gnadenlos“) entschieden, trotzdem gehört Gnadenlosigkeit für Bezos zum Programm: In seinem Expansionsdrang, in seiner Fokussierung auf den ‚Dienst am Kunden‘, dessen Bedürfnisse Amazon so erschreckend gut zu kennen scheint wie kein anderer Konzern, und nicht zuletzt gegenüber den eigenen Mitarbeitern. Trotzdem (oder gerade deshalb) konnte sich Bezos bisher der Loyalität seiner Investoren recht sicher sein.

Bezos: Wachstum um jeden Preis

Aktuell scheint es allerdings, als hätten das Unternehmen aus Seattle und sein CEO den Bogen überspannt und zwar nicht nur ein bisschen. Die Zahlen für das zweite Quartal 2014 hatten eine klare Botschaft: Trotz Rekordumsätzen rutscht Amazon tiefer in die roten Zahlen. Jeff Bezos hat für Amazon die Devise ausgegeben, dass sein Unternehmen um (fast) jeden Preis zu wachsen hat und dass für die permanente Expansion auch permanente Verluste akzeptabel sind. In den vergangenen Monaten sind zum Amazon-Universum unter anderem der Medienvermarktungs-Kanal ‚Fire TV‘, sechs neue Logistikzentren und das erste eigene Smartphone des Konzerns – das ‚Fire Phone‘ – hinzugekommen, das primär dem Sammeln von Kundeninformationen und somit der Vermarktung der Amazon-Angebote dienen soll.

Über Sinn oder Unsinn dieser Strategie darf spätestens ab jetzt gestritten werden: Die Amazon-Verluste beliefen sich im zweiten Quartal auf 126 Millionen Euro – Marktbeobachter hatten ursprünglich allenfalls die Hälfte dieses Werts erwartet. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal betrugen die Verluste überschaubare sieben Millionen Dollar. Noch dramatischer liest sich die Verlustprognose für das laufende Quartal: Amazon-Finanzchef Thomas Szkutak rechnet mit einem investitionsbedingten Minus im Umfang von 410 bis 810 Millionen Dollar sowie mit deutlich schwächerem Umsatzwachstum. An der New Yorker Börse sackte der Kurs der Amazon-Aktie nach diesen Meldungen zweitweise um rund zehn Prozent auf einen Kurswert von 310 Dollar ab, zum Jahresanfang hatte dieser noch um die 400 Dollar gelegen.

„Exzellente Kundenbindung“ oder Verletzbarkeit durch Preisattacken?

Jeff Bezos ficht dieses Quartalsergebnis bisher offenbar nicht an – seinen Finanzchef ließ er vor den Wall-Street-Analysten erklären, dass Amazon nicht vorhabe, sich in seiner Planung an kurzfristigen Gewinnerwartungen zu orientieren. Dennoch fragt sich eine immer größere Zahl von Zweiflern, wie Amazon es schaffen will, profitabel zu agieren. Bezos selbst verschanzt sich hinter seinem Programm der „immer exzellenteren Kundenbindung“. Die neuen Logistikzentren sollen sicherstellen, dass die Waren künftig zumindest in den USA auch sonntags zu den Kunden kommen. Auch das Prozedere für Bestellungen, Rechnungen, Reklamationen und vor allem der Preis müssen selbstverständlich stimmen. Angesichts einer Umsatzsteigerung von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr scheinen Markt und Kunden der strategischen Vision von Jeff Bezos recht zu geben.

Auf den zweiten Blick gerät Amazon allerdings nicht nur durch seine Investitionen und sein Engagement im Technik- oder TV-Bereich, sondern auch in seinem Kerngeschäft der Tendenz nach unter Druck. Alibaba – der chinesische Marktführer im Online-Handel – macht Amazon inzwischen auch auf dem US-amerikanischen Markt massive Konkurrenz, ebenso hat der Preiskampf mit Microsoft und Google bei Amazon Spuren hinterlassen. Die Botschaft der realen und potentiellen Kunden von Amazon ist klar: Wenn ein günstigerer Anbieter auf dem Markt erscheint, sind wir nur allzu bereit zu wechseln. Das Gen zu diesem Verhalten hat Amazon maßgeblich selbst mitgestaltet, schließlich hatte man die Kunden aufwendig darauf konditioniert, um damit dem stationären Handel das Wasser abzugraben.

Grenzen für das Amazon-Modell?

Der Umgang Amazons mit seinen Mitarbeitern – respektive die Effizienz- und Kontrollwut von Jeff Bezos – spielen bei der aktuellen Debatte über die Perspektiven des Konzerns noch nicht einmal eine Rolle.
Die Aktionäre dürften so viel Geld in Amazon-Papiere investiert haben, dass ein großer Teil von ihnen, ebenso wie einige Newcomer, ihr Glück nochmals versuchen werden und das aktuelle Geschehen um den Amazon-Kurs mitmachen. Gleichwohl sind wir überzeugt, dass das Modell Amazon seine Grenzen hat: Die Kunden „lieben“ Amazon unter anderem aus Bequemlichkeit. Wenn sie bei einem anderen Anbieter vergleichbaren Service zu einem günstigeren Preis genießen können, wird Bezos sie mit seiner Expansions- und Zukunftsstrategie nicht halten können. Jeff Bezos´ Wettlauf mit dem Markt hat spätestens jetzt begonnen.

Fazit:

  • Zwar schreibt Amazon vorwiegend investitionsbedingte rote Zahlen, gerät jedoch auch in seinem Kerngeschäft zunehmend unter Druck.
  • Kundenbindung bei Amazon fokussiert sich auf Bequemlichkeit und Preis – seinen Wettbewerbern bietet der Konzern damit durchaus Angriffsflächen.
  • Der stationäre Einzelhandel sollte sich zumindest hierzulande – auch vor dem Hintergrund einer anderen Handelstradition und anderer Kundenerwartungen als in den USA – nicht von der „Erfolgsgeschichte Amazon“ hypnotisieren lassen, sondern auf seine eigenen Stärken und individuelle Kundenbeziehungen setzen.

Quelle:
http://wirkt.de/jeff-bezos-und-amazon-vernichtungsfeldzug-gegen-den-klassischen-einzelhandel/
http://wirkt.de/amazon-jeff-bezos-schoene-neue-einkaufswelt/
http://wirkt.de/kartellamt-sterbehilfe-fuer-den-stationaeren-handel/
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/amazon-enttaeuscht-anleger-100.html

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