Rhetorik für Dummies

Oder: Was eine gute Rede wirklich ausmacht

Frank Brettschneider ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim und Co-Autor der International Encyklopedia of Communication. Einmal im Jahr ermittelt er durch ein an seinem Lehrstuhl entwickeltes Computerprogramm, ob die Chefs der Dax-Konzerne ihr Publikum auch mit brillanter Rhetorik fesseln können. Gemessen werden die Rhetorik-Fähigkeiten der CEOs jeweils anhand der Reden auf der Jahreshauptversammlung ihrer Aktionäre.

Das Rennen machte in diesem Jahr BASF-Chef Kurt Bock, der durch eine informative und klar strukturierte Rede überzeugte. Nach einem 18. Rang im letzten Jahr war sein Rhetorik-Sieg eine Überraschung – dazu beigetragen hatte sicher, dass seine Redenschreiberin zwar den Entwurf erstellt, Bock selbst jedoch den Feinschliff übernommen hatte. Offensichtlich war dieses Vorgehen ein gutes Training. Im Mannheimer Kongresszentrum erlebte sein Publikum einen perfekten Redner, der auch trockenen, zahlenorientierten Stoff lebendig werden ließ und deutlich machte, dass er sich nicht auf einem lästigen Pflichttermin befand.

Rhetorik als Führungsqualität

Als Führungskraft sind Sie auch unterhalb der Ebene eines CEO täglich mit Anforderungen an Ihre Rhetorik konfrontiert. Wenn Sie in einem Meeting einen Vortrag halten, erwarten Ihre Zuhörer von Ihnen keineswegs nur harte Fakten, sondern eine Story, in der sie sich mit ihren Gedanken – und Emotionen – wiederfinden können. Verkaufsverhandlungen werden Sie verlieren, wenn Sie Ihr Angebot und Ihre Konditionen nicht überzeugend präsentieren. Ihre Mitarbeiter erwarten von Ihnen nicht nur kooperative, sondern auch rhetorische Motivation. Kurz: Gute Rhetorik ist eine Führungsqualität, die Einfluss auf Ihr Standing im Unternehmen und gegenüber externen Partnern hat.

Soweit die Theorie. In der Praxis plagen sich viele Menschen – und nicht nur Führungskräfte – mit ihren scheinbar mangelhaften rhetorischen Fähigkeiten ab. Sobald sie vor Publikum sprechen sollen, erstarren sie und werden hölzern – entsprechend desinteressiert reagiert ihr Publikum. Mit dieser Konstellation verdient eine ganze Industrie ihr Geld. Ratgeber und Seminare für eine perfekte Rhetorik haben Konjunktur. Die Crux dabei ist allerdings, dass viele Anbieter meinen, dass dafür das starre Befolgen einiger mechanistischer Regeln ausreicht. Noch schlimmer sind Online-Ratgeber, die versuchen, komplexe Sachverhalte in einigen wenigen Punkten abzuhandeln. Schauen wir uns einmal an, was uns die folgende Agenda sagen will.

Rhetorik lernen: WAS oder WIE?

Die US-amerikanische Online-Übersicht „10 Ways Great Speakers Capture People´s Attention“ (Zehn Wege, wie großartige Redner die Aufmerksamkeit ihres Publikums erringen) kann exemplarisch für einen solchen Ansatz stehen. Der perfekte Redner hat dabei eigentlich nicht viel zu tun – er muss nur in der Lage sein, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu fesseln und dann konstant zu halten. Als Patentrezept dafür bekommt er die folgenden Punkte an die Hand:

  1. Beginnen Sie mit dem Unerwarteten.
  2. Machen Sie daraus eine Story, welche an den Zielen, Wünschen und Ängsten Ihrer Zuhörer anknüpft.
  3. Formulieren Sie konkret – mindestens am Anfang – und definieren Sie Ihre Story.
  4. Sorgen Sie dafür, dass diese im Fluss bleibt.
  5. Bringe sie auf den Punkt.
  6. Erzeuge Emotionen.
  7. Gib deinen Zuhörern Gelegenheit, sich zu äußern – idealerweise zur Bestätigung.
  8. Präsentationsfolien mit klaren Überschriften strukturieren Ihren Vortrag.
  9. Fassen Sie sich kurz.
  10. Seien Sie Sie selbst.

So weit, so gut – falsch ist dies alles sicher nicht. Gute Rhetorik lebt von Geschichten. Auf Ihre Ideen-Reise nehmen Sie Ihr Publikum vor allem mit, wenn Sie schaffen, es auf einer emotionalen Ebene zu erreichen. Erinnern Sie sich an Steve Jobs: Seine Keynotes wurden gefeiert wie ein Rockkonzert – und Jobs selbst wusste perfekt sowohl mit seinen Storys als auch mit den Emotionen seiner Zuhörer zu spielen. Authentizität und das exakte Wissen darum, was er mit einem öffentlichen Auftritt erreichen wollte, gehörten zum Kern seiner Performance.

Hat die obige Agenda also Recht? Aus unserer Sicht greift sie in einem entscheidenden Punkt daneben: Sie erklärt, WAS ein guter Redner machen soll – darüber, WIE er dieses Ziel erreicht, schweigt sie sich aus. Story, Emotionen, Strukturiertheit und interaktive Elemente ja – die Art des Vortrags muss jedoch auch zur Persönlichkeit des Redners passen. Falls sie es nicht tut, bleibt sein Vortrag blutleer. Eine durchdachte Dramaturgie ist dafür unverzichtbar, aber sie baut auf der Persönlichkeit des Redners ebenso wie auf seinen Inhalten und Zielen auf – und behält dabei ein konkretes Publikum im Blick. Steve Jobs – und offensichtlich auch Kurt Bock – haben das begriffen.

Praxistipps:

  • Perfekte Rhetorik erfordert Authentizität, eine gute Story sowie Emotionen.
  • Definieren Sie vor Ihrem Auftritt Ihre Ziele sowie die Dramaturgie der Rede.
  • Behalten Sie dabei die Interessen und Wünsche Ihres Publikums im Blick.

Quellen:
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/strategie/rhetorik-ranking-2014-klipp-und-klar-muss-die-rede-sein/9355836.html
http://www.inc.com/sims-wyeth/how-to-capture-and-hold-audience-attention.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Brettschneider

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